Das urbane Ready-made: Die Promenade plantée


Stichworte: XII. Arrondissement ● Promenade plantée ● Landschaftsarchitektur ● Das urbane Ready-made


Was ist Gartenkunst heute?

Vor einigen Wochen haben wir uns im Jardin du Luxembourg Gedanken über die Genese und die Bewertung von Gartenkunst gemacht (und dabei den traditionellen französischen Garten sowie den englischen Landschaftsgarten kennengelernt). Wir mussten aber auch feststellen, dass es heute oftmals nicht mehr um den Entwurf und das Anlegen eines abgeschlossenen Gartens in seiner traditionellen Form – aus der Hand eines Einzelnen – geht, sondern um gemeinsame planerische Experimente, um interdisziplinäre Beiträge auf dem Feld der Umweltplanung. Wir sprechen von „Landschaftsarchitektur“, doch dahinter verbirgt sich eine pluralistische Auffassung vom „Garten“, von Designern, Landschaftsarchitekten und Raumplanern gemeinsam geprägt. Der Begriff Landschaftsarchitektur oszilliert daher zwischen „architektonische Gärten“ und Gartenkunst, zwischen temporärer und permanenter Installation.

Die großen Landschaftsplaner des 20. Jahrhunderts – Roberto Burle Marx, Luis Barragán oder Isamu Noguchi, um nur einige Namen zu nennen – haben uns gezeigt, dass es gerade jenes Topos des „Grenzen überschreiten“ ist, was unsere heutige Landschaftsarchitektur ausmacht. Das Stichwort lautet: Jenseits der Einfriedung. Der Garten ist nicht länger ein abgeschlossener Raum, ein aus dem Stadtbereich isolierter Teil, sondern im Gegenteil, eine grüne Landschaft, die in das Stadtbild hinein wirkt und dieses verändert. Nichtsdestotrotz muss diese Landschaft ihren „natürlichen“ Platz in einem so künstlichen Umfeld wie jenem der Stadt erst finden. Mit dem Aufheben der Grenzen eines Gartens stellen sich weiterhin die Fragen nach dem Verhältnis von (feindlicher) Stadt vs. (freundlichem) Garten, von Natur vs. Architektur oder von Drinnen vs. Draußen.
Der italienische Architekturtheoretiker Francesco Repishti schlägt uns eine Lösung dieser Problematik vor:

„Der Garten kann auch als Raum verstanden werden, der in der Lage ist, vielfältige, flexible Gelegenheiten zu bieten, welche die Notwendigkeit einer Zwischendimension zwischen hergestellter Architektur und ihrem städtischen Kontext und umgekehrt befriedigen können: herausgearbeitete Lösungen, dazu angetan, auch die Gebäude selbst untereinander in Beziehung zu setzen, in dem Wissen, nicht auf das Vorhandensein eines regelrechten öffentlichen Raumes zählen zu können.“

Paris bietet viele unterschiedliche, grandiose Ergebnisse dieser neuen Herangehensweise an den Garten, oder besser, an das Grüne in der Stadt: Den Parc de la Villette (1983-1997) von Bernhard Tschumi und den Parc André Citroën (1986-1992) von Gilles Clément im Westen der Stadt, oder den „wilden“ Garten im Innenhof der Bibliothèque Nationale de France (1989-1995) von Dominique Perrault im Osten von Paris. Letzterer definiert beispielsweise das Grüne als kompositorischen Teil des Gebäudes. 132957614Er betrachtet das Grüne als eine „wilde Natur“, als Raubtier und als ein Tier, das man in einen Käfig setzen kann, um es zu beobachten – wie in den Zoos der Vergangenheit. In dem rechteckigen regelmäßigen Raum des Hofes hat Perrault daher ein Stück Wald aus den französischen Alpen mit Föhren derart rekonstruiert, dass dieser perfekt die Unregelmäßigkeiten des natürlichen Waldes simuliert.

Wir wollen euch heute aber ein ganz besonderes Produkt der modernen Landschaftsarchitektur präsentieren: Das urbane Ready-made (…und nein, es wurde nicht von Marcel Duchamp erfunden…).

P1050917Seit den 70er Jahren ist an zahlreichen Orten der Welt – beispielsweise in Paris, New York, Seoul oder auch im Ruhrgebiet – die funktionale Dimension städtischer Komplexe wieder beachtet worden. Anstatt wie früher ehemalige Fabrikanlagen abzureißen oder verlassene Bahnstrecken zu überbauen, werden diese heute saniert und als sogenannte objets trouvés in Landschaftsarchitekturen verwandelt. Das urbane Ready-made negiert nicht seine Herkunft, sondern ruft uns zu: „Schau her, wie schön ich bin!“

Ein bekanntes Beispiel des urbanen Ready-mades ist der High Line-Park in New York. Echte Paris-Liebhaber kennen das Vorbild dieses ehrgeizigen Projekts der Jahrtausendwende: Wir sprechen von der Promenade plantée im 12. Arrondissement, die 2005 nach über zwanzig Jahren Planung und Entwicklung fertiggestellt wurde.

P1050920Die Promenade plantée erstreckt sich auf 4,7 km durch das östliche Paris und verbindet den Place de la Bastille mit der Bois de Vincennes an der Peripherie der Stadt. Map Promenade Plantee

 

 

 

 

Sie verläuft entlang einer stillgelegten, hochliegenden Bahntrasse des ehemaligen chemin de fer, welcher 1859 eröffnet und 1969 in weiten Teilen stillgelegt wurde. Das Terrain wurde bald von der SNCF an die Stadt Paris verkauft. Hochliegend entlang der Avenue Daumesvil, von der aus sie beginnt, durchquert die Promenade die verschiedenen Viertel des 12. Arrondissements.


Wie entstand die Promenade plantée?

P1050875
Bahnhof Bastille/ Gare de Vincennes

An der Stelle, wo sich heute die Opera de Bastille befindet, war ursprünglich der Bahnhof Bastille/Gare de Vincennes – lange Zeit der höchst frequentierte Bahnhof der Stadt. Fertig gestellt im Jahre 1859, verband die Eisenbahnstrecke Bastille-Vincennes das Stadtzentrum mit dem Chemin de Fer de Petite Ceinture (zu deutsch: kleiner Eisenbahngürtel);

Der Chemin de Fer de Petite Ceinture
Der Chemin de Fer de Petite Ceinture

eine Ringbahnstrecke, welche die Bahnhöfe am äußeren Rand der Stadt Paris miteinander verband. P1050854

Wer beispielsweise 1889 für die Eröffnung des Eiffelturms aus Straßburg anreiste, fuhr bis zum Gare de Vincennes und von dort aus über den Chemin de Fer de Petit Ceinture bis zum Gare d’Orsay (heute Musée d’Orsay).

Der Bau des Chemin de Fer Bastille-Vincennes symbolisiert exemplarisch die autoritäre „Hausmannisierung“ während der zweiten Kaiserzeit, die auf die rapide Industrialisierung Frankreichs fokussiert war. P1050871Die Eisenbahnlinie hat Baron Hausmann mitten durch die Straßen und Nachbarschaften des 12. Arrondissement hineingeschnitten. P1050872Damit stellte sie nicht nur einen eindringlichen Fremdkörper in das Straßenbild dar, sondern veränderte auch das soziale Gefüge des Viertels. Die geschäftlichen Aktivitäten siedelten sich entlang der Linie an und die einzelnen Haltestellen der Eisenbahn markierten den Übergang in ein neues Viertel. P1050873Diesem historisch gewachsenen Stadtgefüge entsprechen heute noch die unterschiedlichen Abschnitte der Promenade plantée.

Nach dem 2. Weltkrieg, mit der Entwicklung des öffentlichen Busverkehrs und vor allem der neuen U-Bahn-Linien, schwand die Bedeutung des Chemin de Fer de Petite Ceinture rapide. Als dann Mitte der 60er Jahre das Netz des Réseau Express Régional (RER) eingeführt und ausgebaut wurde, war es endgültig um die ehemalige Linie Vincennes-Bastille geschehen – das Relikt des industriellen Zeitalters in Frankreich musste weichen.P1050852

P1050876Bereits in den 1970ern hatten erfinderische Pariser leise die ungenutzten Arkadenräume unterhalb des Viaducs erobert und dort Autowerkstätten, Kneipen oder auch Schlafplätze errichtet. P1050880Oberhalb traf man sich zum Vögel Beobachten, zu Trinkgelagen oder zum Kauf von Drogen.

P1050883Doch viele Anwohner waren es inzwischen leid geworden, neben einer verlassenen Bahnlinie zu wohnen und verlangten nach einer Lösung.

P1050858
Bau der Bibliotheque de France Francois Mitterand

Es traf sich, dass die Mega-Projekte der 1970er und 1980er Jahre (zum Beispiel die Bibliothèque de France Francois Mitterand) für den Osten von Paris vorgesehen waren.

P1050859
Modell für das neue Viertel Reuilly

Kritik an der Stadtplanung äußerte sich vor allem in der Forderung nach mehr Grün in der Stadt. Als Alternative zum Abriss des Viaducs sollte dieser daher begrünt werden.
Gleichzeitig waren bereits die Neugestaltung der ehemaligen Warenumschlagszone in Reuilly, im Osten Paris, zu einem Wohngebiet sowie ein erholsamer Grünstreifen entlang der ehemaligen Bahntrasse beschlossen und geplant worden. 1985 dann einigte man sich darauf, eine Promenade plantée auf dem Viaduc mit dem Grünstreifen in Reuilly zu verbinden und so eine durchgehende Landschaftsarchitektur im Osten von Paris zu schaffen.

IMAGE_2009_06_18_566893
Architekt Patrick Berger

Drei Architekten wählte die Stadt für die Planung und Gestaltung dieses Herzensprojekt: Patrick Berger sorgte für den Entwurf des neu entstehenden Viaduc des Arts und Philippe Matthieu und Jacques Vergely waren für das Design der Grünflächen zuständig. Sie statteten den Viaduc mit Blumenbeeten, Pergolen und Gartenlauben aus und entwarfen eine Reihe aufeinanderfolgender „Pausen“, in denen die Bepflanzung zurückweicht und Platz frei gibt für kleine Brunnen, Nischen oder Tische und Bänke.


Nun möchten wir aber losmarschieren und die Promenade plantée von Nahem betrachten. P1050892P1050895P1050928An schönen Tagen ist auf der Promenade plantée viel los, doch wer früh morgens kommt, kann sich ganz allein an den besonderen Ausblicken auf die Stadt und an den verschiedenen Abschnitten der Promenade erfreuen. Die Promenade plantée durchquert die vier Viertel des 12. Arrondissement: Quinze-Vingts, Bercy, Picpus und Bel Air.

Sie beginnt etwa 365 Meter südöstlich der Opéra Bastille, an der Stelle, wo einst die Eisenbahn in den Bahnhof von Bastille einfuhr. Für die ersten 1,5 km läuft man nach Osten, entlang der Avenue Daumesnil durch das Viertel Quinze-Vingts. In den einzelnen Arkaden des Viaduc des Arts befinden sich Boutiquen und Ausstellungsflächen für das nationale Handwerk. Sie sollen dem ehemaligen Arbeiterviertel ein neues Gesicht geben. Die schmale Plattform (9m breit) auf dem Viaduc hat zu einem simplen Konzept der Bepflanzung geführt, einem zentralem Weg mit Pflanzenbeeten zur Rechten und zur Linken, in der Hauptsache beständige, winterfeste Pflanzen. P1050896

 

 

 

P1050879

 

In regelmäßigem Abstand eine Linde: dort, wo die nötige Wurzeltiefe von 2 Metern gegeben ist: also, an jeder 2. Wölbung. Aus der Sicht der Spaziergänger entlang der Avenue Daumesmil begleitet diese Baumbepflanzung optisch die Architektur des Viaducs.
Besondere Abschnitte, „abgeschlossene Gärten“, verhindern eine zu große Monotonie.

P1050930

 

 

 

 

Bald trifft man auf den square Hector Malot (1995), einem Bambus-„Urwald“ auf dem Dach eines Parkhauses:P1050909P1050889P1050915In Terrassen angelegt verbindet der square Hector Malot die Straße mit der Promenade plantée.

Nachdem der Viaduc die Rue de Rambouillet überquert hat, befinden wir uns im Viertel Bercy, einem alten Warenlager-Viertel der Stadt in der Nähe der Seine. P1050925Obwohl noch erhöht, verlässt die Promenade plantée den steinernen Viaduc und verläuft über eine Serie von Brücken, Plattformen und Bahndämmen, oftmals verborgen vor der Straße.

Nach Bercy nimmt die Promenade ihre längste Streckung durch das Picpus-Viertel. Etwa zur Hälfte in das Viertel hinein, endet die erhöhte Strecke im Jardin de Reuilly (1998), auf dem Gelände des ehemaligen Betriebshofs der Eisenbahn.

P1050936Auf dieser sehr großzügigen Fläche liegt zentral eine abgesenkte Rasenfläche, die im Sommer an ein Freiluftbad erinnert.

P1050938

 

Der Höhenunterschied des Geländes hat sogar die Einrichtung von Grotten erlaubt. P1050950Rundherum gliedern sich Bereiche mit bestimmter Thematik (plantes méditerranéennes, jardin aquatique, euphorbes et sédums, bambous) an. Spaziergänger können den Park über eine lange, schmale Hängebrücke aus Holz überqueren oder seitlich entlang der Wege flanieren. P1050941Kommt man von Westen über die Promenade plantée her, entdeckt man sofort die Figur l’Offrande von Naoum Arronson. P1050939P1050940

 

 

 

 

 

Das Schicksal dieser Skulptur ist exemplarisch: In Auftrag gegeben als Fontäne für eine Ausstellung der Arts décoratifs im Jahre 1925, wurde sie zunächst auf dem Cours-la-Reine aufgestellt, bevor sie von dort für das Denkmal Albert I (1935) weichen musste (*siehe Blogeintrag „Das Polnische Epos an der Seine“). P1050944

 

 

Lange Zeit stand sie dann halb vergessen im Depot der Stadt, bis sie schließlich 1998 mit anderen weiblichen Figuren im Park (von Chauvel, Malfray und Delamarre) einen Platz fand.

Im Osten des Gartens setzt sich die Promenade plantée weiter fort.

Nach Reuilly verläuft die Promenade auf der Höhe der Straße weiter, hinein in einen langen Tunnel. P1050957Der dunkle Tunnel wurde als Grotte designt, mit Muscheln und Wasserrinnsalen. Die Lichtverhältnisse wurden genau untersucht und die Beleuchtung des Tunnels auf die Atmosphäre einer Grotte abgestimmt.P1050960

Der letzte Abschnitt der Promenade plantée im Viertel Bel Air ist ein Zauberwerk: Auf 7m abgesenkt verliefen einst die Eisenbahnschienen und erlauben heute den Spaziergängern ein völliges Eintauchen in die Natur, umringt von Bäumen und abseits jeglichen Lärms.P1050965 P1050967P1050968P1050969P1050979Am Ende dieses Abschnitts geht es über eine eine interessant gestaltete Wendeltreppe wieder hinauf. P1050887P1050983

 

 

 

 

 

Jetzt müssen wir uns beeilen, den weniger schönen Abschnitt entlang der Periphérique nicht allzusehr wahrzunehmen, um schließlich am Eingang des Bois de Vincennes mit einem grandiosen Blick aufs Wasser belohnt zu werden: P1050992

Verfasst von Linda am 17.04.2015

Bibliographie:

* Heathcott, Joseph, The Promenade Plantée: Politics, Planning, and Urban Design in Postindustrial Paris, in : Journal of Planning Education and Research 33(3), S. 280-291, 2013.

* Vercelloni, Matteo u. Vercelloni, Virgilio, Geschichte der Gartenkultur. Von der Antike bis heute (aus dem Ital. „L’Invenzione del Giardino Occidentale“, 2009) Darmstadt: WBG, 2010.

 

Publicités

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s